In Memoriam
Gustav Gisiger


Sokrates: .....es ist zu bedenken, dass es zweierlei Arten von Sehstörungen gibt und zweierlei Ursachen dafür: Wenn man vom Licht ins Dunkel kommt und wenn man vom Dunkel ins Licht kommt.

Platon „Das Höhlengleichnis“


Minako Seki (Japan)
Tanz und Choreographie

Martina Heim (D)
Tanz

Zam Johnson (USA)
Musik und Komposition

Gustav Gisiger
Lichtmalerei und Skulptur

Majo Ussat
Realisation Projektion

Uwe Renken, Nils Willers
Lichtdesign

Dagmar Hess, Tina Fuchs
Kostümdesign

Holger Loew und Blendwerk
Bühnenbild

Marion Mielke
Büro

Nils Willers
Produktionleitung


Dauer der Performance 60 Minuten
Premiere .. 2001 Berlin Tanzfabrik


Gustav Gisiger verstarb am 14.Juli 2002 urplötzlich und unerwartet. Seine Arbeit wird von Majo Ussat weitergeführt.


Bin ich wach oder träume ich? Märchenhaft-grotesk, schwankend und zerbrechlich sind die Welten in dieser Guckkastenbühne. Das Theater als Zauberbilderrahmen, aus dem Doppelgängerinnen und menschliche Marionetten in seltsamen Kleidern fallen; oder merkwürdige, schwebende, drehende Objekte, voller visueller, akustischer und intellektueller Täuschungen und Irritationen. Ein poetisches Spiel mit Assoziationen, die jeder kennt, die jedoch im nächsten Augenblick unverhofft ihre Richtung ändern. Ein Theater, wo Licht, Farben und Bilder leichtfüßig miteinander tanzen und das die Frage provoziert, ob diese Welt hier nicht die Wahre sei und wir nur in deren Schatten leben?



Täuschungen der menschlichen Wahrnehmung beschäftigen Minako Seki seit langem und inspirieren sie zur tänzerischen Visualisierung des Wechselspiels zwischen Phantasie und Realität

Der Titel unseres Stücks drängte sich schnell auf, da ein alter griechischer Philosoph unser Ideengeber und ein Lichtmaler im Team war.

Das Licht kommt aus dem Osten! Dieses Wort schließt einen mannigfaltigen Sinn ein. Im Osten geht die Sonne auf, sicherlich. Und Minako kommt aus dem Land der aufgehenden Sonne. Doch früher im Mittelalter meinte man mit dem Ausspruch das alte Griechenland, woher die alten Philosophen kamen, die uns das Wissen und die Weisheit brachten. Ex Oriente Lux! Wann wurde er zuerst gehört, dieser Ruf, der wie ein Zusammenklang ertönt von Stimmen der Kreuzfahrer, Pilger und geheimnisvollen Helden? Kommt er von einem Helden, einem Weisen oder einem Verrückten? Wir wissen es nicht. Aber er ermunterte uns, etwas Geheimnisvolles, Poetisches, Schönes und Verwirrendes zu schaffen.

Ausgangspunkt unseres Stückes war das „Höhlengleichnis“ von Platon.

„...Stelle dir vor, es leben Menschen in einer Art unterirdischer Höhle, aus der ein langer Gang zum Lichte emporfährt. In dieser Höhle sind sie von Kind an, gefesselt an Hals und Schenkeln. Sie können sich also nicht von der Stelle rühren und müssen immer nur geradeaus schauen, denn infolge der Fesseln können sie ja ihren Kopf nicht herumdrehen. Licht bekommen sie von einem Feuer, das fern oben hinter ihnen brennt. Zwischen dem Feuer aber und den Gefangenen läuft oben ein Weg, und diesen Weg entlang mußt du dir eine Mauer gezogen denken, ähnlich den Schranken, welche die Gaukler vor den Zuschauern errichten,
um dahinter ihre Kunststücke zu zeigen.“

So erklärte uns Platon unser Bühnenbild, ein überdimensionaler Bilderrahmen, in dem oder vor dem unser Stück spielte.

„An dieser Mauer so mußt du es dir nun weiter vorstellen tragen Menschen allerlei Geräte vorbei, die über die Mauer hinausragen, Bildsäulen von Menschen und Tieren aus Stein und aus Holz und mancherlei andere Gegenstände. Ein Teil der Vorübergehenden wird dabei wahrscheinlich reden, der andere Teil wird still sein.“

Natürlich wollten wir Platons berühmtes Gleichnis nicht auf die Bühne übertragen, noch eine weitere Interpretation liefern. Es galt lediglich zur Inspiration und der Beginn von Assoziationsketten.

Täuschungen der menschlichen Wahrnehmung beschäftigten Minako seit langem und inspirieren sie zur tänzerischen Visualisierung des Wechselspiels zwischen Phantasie und Realität. Bilder, die in der rechten, menschlichen Gehirnhälfte entstehen, werden nicht immer aktiv gespeichert und geraten somit schnell wieder in Vergessenheit. Jedoch bilden sie den Boden für Erinnerungen und Assoziationen, die Minako durch ihren Tanz wieder zum Leben erweckt. Platons „Höhlengleichnis“ war für sie ein idealer Anhaltspunkt, um ihren Tanz zu entwickeln. Im „Höhlengleichnis“ geht es um Erinnerungen und um die Frage nach dem Sein, dem Schein und der Idee vom Sein, um Traum und Wirklichkeit.

„Einer wird losgemacht, muß sofort aufstehen, sich umdrehen, vorwärtsschreiten und zum Lichte emporsehen... alles das tut ihm aber natürlich weh, und das Licht blendet ihn so sehr, daß er die Gegenstände, deren Schatten er bisher sah, nicht erkennen kann...was wird er wohl sagen, wenn man ihm erklärt, bisher habe er nur Scheindinge gesehen; jetzt aber sei er der Wahrheit näher und sehe richtiger, denn die Dinge, vor denen er jetzt stehe, hätten höhere Wirklichkeit! Und weiter, wenn man ihm die einzelnen vorüberziehenden Gegenstände zeigt und ihn fragt, was das sei! Er wird doch keine einzige Antwort geben können und wird glauben, was er bisher gesehen, sei richtiger, als was man ihm jetzt zeigt.“


  Wichtig für das Stück und die Visualisierung unserer Ideen waren die Projektionen von Gustav Gisiger. Die Dias sind von Hand hergestellt, d.h. sie sind gemalt und geklebt. Für das Stück brauchte er etwa 800 Stück. Mit acht Projektoren schuf er einen immer pulsierenden Hintergrund. Und er setzte eine Reflexionsskulptur ein. Er konnte dafür nicht seine großen Skulpturen verwenden, aber immerhin das Modell, ca. 80 cm hoch, das passte wunderbar in den Rahmen.

Gustav Gisiger schrieb 1999 zu seinem künstlerischen Ansatz, was er théâtre imaginaire nannte:

Das „theatre imaginaire“ ist der Idee von Moholy-Nagys „Lichtrequisit“, auch Oskar Schlemmers „Triadischem Ballett“ und Nicholas Schäfers „luminodynamischen“ Konstruktionen näher als jedem audiovisuellen Medienspektakel unserer Zeit. Es transformiert das Licht als vergängliches, flüchtiges und bewegliches Element zu einem Symbol der Vorläufigkeit und des Spekulativen. Es ist das Gegenbild einer virtuellen Welt, die sich unentwegt zu konkretisieren vorgibt und doch nichts anderes bietet, als den matten Abglanz einer Wirklichkeit, welche sich umso eindeutiger als unwahr entlarvt, je mehr sie glaubhaft machen will, sie sei das geeignete Medium zur pragmatischen Bewältigung einer nicht mehr als „Eigenes und Erlebtes“ empfundenen Gegenwart.

Ein weiterer Ausgangspunkt des Stückes ist das menschliche Gehirn als Anschauungsobjekt. Bilder, die in der rechten, menschlichen Gehirnhälfte entstehen, werden nicht immer aktiv gespeichert und geraten somit schnell wieder in Vergessenheit. Jedoch bilden sie den Boden für Erinnerungen und Assoziationen, die Minako Seki durch ihre Tanz Performance wieder zum Leben erweckt.

Dabei spielt sie mit Assoziationen, die jeder kennt, um sie jedoch im nächsten Augenblick unverhofft in eine andere gedankliche Richtung zu lenken. Einen Ausgangspunkt bietet ihr dafür die Guckkastenbühne, die unweigerlich an ein Kasperltheater erinnert und in der sie groteske Assoziationsketten beim Zuschauer hervorruft und ihn mitnimmt auf eine Reise in die jeweilige Bilderwelt.
 
 

Technische Vorraussetzungen:

Spieldauer 60 Minuten ohne Pause

6 beteiligte Personen:
2 Tänzerinnen
1 Musiker
1 Projektionsdesigner
1 Lichtdesigner
1 Bühnentechniker

Bühnengröße:
mindestens 9 m Breite und 10 m Tiefe
Tanzboden oder Schwingboden

Raumanforderung:
Höhe mind. 3,80 m
Möglichkeit Bühnenbild zu hängen an starrer
Aufhängung/ 2 Punkte

Stromversorgung:
16 o. 32 Ampere
3 getrennte Stromkreise von Licht, Diaprojektion und Ton Schukoverteilung

Licht:
übliches Theaterlicht: Linsenscheinwerfer mit Toren, Profilscheinwerfer manuelles Lichtpult mind. 24 Kanal a 2 kW

Ton:
Dem Raum angepaßte P.A.
Übliche Tontechnik
1 MiniDisc
2 CD Player
Mixer min. 8 Kanal
2 DI Boxen oder 2 Kanäle direkt

Aufbaudauer:
Bei installierter Licht- und Tontechnik mit zwei Aufbauhelfern ca. 1 Tag



Presse

zitty Nr. 14
.
....eine betörende Form posthumanen Tanzes.

Berliner Morgenpost 31.05.01

....mit ihrer tänzerischen Visualisierung zwischen Phantasie und Wirklichkeit aktiviert Seki die passiven Bildwelten im Kopf.

B.Z. 1.06.01

Bin ich wach oder träume ich? Diese Frage ist bei EX ORIENTE LUX nicht immer leicht zu beantworten. Kein Wunder, denn die japanische Actrice tänzelt während ihrer grandiosen Performance mit traumhafter Sicherheit zwischen Phantasie und Realität.

Kreuzberger Chronik 27.05.01

Minako Sekis Aufführungen sind kein beschauliches Vergnügen, sondern ein visuelles, akustisches und intellektuelles Erlebnis.
...
Süddeutsche Zeitung 25.05.01

Bei der Präsenz der Bilder stellt sich fast die Frage, ob diese Welt nicht die wahre sei und wir nur in deren Schatten lebten.

31.05.01 Neues Deutschland ...............

Minako Seki hat eine neue Tanzform entwickelt....Anmutig bewegen sich beide Tänzerinnen durch den Ozean einer Märchenwelt.

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STUTTGARTER ZEITUNG 8.05.02

Ins Gehirn getanzt Butoh in der Manufaktur Die Bühne ist dunkel und leer. Nur ein weißer Bilderrahmen hängt an der hinteren Wand. Langsam öffnet sich das bis dahin schwarze Bild, gibt ein kleines, helles Fenster frei. Darin simulieren Fingerspiele wie aus Kindertagen pickende Vögel. Laute Schmatzgeräusche tönen vom Band. Dann Keyboard-Sound. Ein weiß geschminktes Frauengesicht taucht auf. Das Fenster öffnet sich weiter, wird zur Guckkastenbühne. Davor oder dahinter tanzt eine zierliche Frau mit ekstatischen Bewegungen. Es ist Minako Sekt, japanische Tänzerin, Choreografin und Regisseurin mit Wohnsitz in Berlin, Mitbegründerin, des deutsch japanischen Butoh Ensembles Tatoeba Theatre Danse Grotesque und lange Jahre in der Berliner Avantgarde Tanzszene aktiv. In der Schorndorfer Manufaktur zeigte sie jetzt ihre Performance „Ex Oriente Lux". Licht will die Tänzerin bringen in die Geheimnisse des menschlichen Denkens und Fühlens. Ausgangspunkt ist das menschliche Gehirn. Die dort gespeicherten Erinnerungen und Assoziationen sollen bewusst gemacht werden. Ihre Mittel: der japanische Butoh Tanz und der deutsche Ausdruckstanz, die Seki zu einer eigenen Tanzform weiterentwickelt hat. Zusammen mit dem Musiker Zam Johnson, dem Lichtkünstler Gustav Gisiger und der Tänzerin Inga Schrader nimmt uns Minako Seki mit auf eine fremdartige Reise der Metamorphosen, zelebriert ein faszinierendes Wechselspiel von Fantasie und Realität. Wie Propeller rotieren ihre Hände zu peitschendem Elektrosound, wild zucken die Gliedmaßen, um dann wieder wie bei einer Puppe lose herunterzubaumeln. Immer jedoch wird der scheinbar ungehemmte Ausdruck gebändigt in den strengen rituellen Formen des Butohtanzes. Tanz, farbenprächtiges Lichtdesign und die brodelnde Musikcollage aus Geräuschen sowie elektronischen Klängen.