Oper von Peter Michael Hamel
Regie: Nullo Facchini
Choreographie: Minako Seki
Beklemmend
hohl
Musiktheater: Peter M. Hamels
„Endlösung" auf Ehrenbreitstein
Eingestimmt wird man vom Taxifahrer, wie überall,
mit scheußlicher Unterhaltungsmusik.
Die Fahrt hinauf geht über eine beidseitig von hohen Festungsmauern,
die gegen Feindeinsicht und Artilleriebeschuß schützen, eingeschlossene
Straße. Gelegentliche Ausschilderung verweist auf ein „Ehrenmal
des Heeres", das sich dort oben befinden muß.
Welchen Heeres? Wir sind in Deutschland, das Eiserne Kreuz erteilt
unmißverständlichen Be-scheid, daß kein Heer gemeint sein kann,
das an der Befreiung Deutschlands beteiligt war. Das Ziel der
Fahrt ist: „Die Endlösung.
Stationen für Orchester und Theatergruppe“.
Man sieht solchen Musikalien mit Sorge entgegen: um die Kunst
nicht nur, sondern auch um die Empfindlichkeit des politischen
Sensoriums ist da-bei vorweg zu bangen. Die Ästhetisierung der
na-tionalistischen Mörderherrschaft gehörte von An-beginn zu den
prekärsten Vorhaben, auf die überhaupt Künstler verfallen mochten.
Ich halte Schönbergs Kantate „A Survivor from Warsaw" von 1947
für eine einmalige Quadratur des Kreises, wo schroffe Autonomie
des Kompositorischen, gerade weil sie kein Gran ihres absoluten
Anspruchs darangibt, sich als mächtig erweist, das Grauen zu formulieren
und eine kritische Gegenposition bei aller Mimesis zu beziehen.
Die strategischen Geheimnisse der Partitur, namentlich der vertrackten
Polyphonie in der „Begleitung" des Männerchorgebets, die das Problem
des Verhältnisses von Form und Inhalt ganz neu auf-wirft, sind
analytisch selbst heute noch längst nicht restlos verstanden.
Einen Grad weiter, streng bis zur totalen struk-turellen Dissonanz,
ist die Emanzipation des rein Formalen dann in Nonos Feuerzeichen
„Il Canto sospeso" von 1956 getrieben, denn einzig durchs Gegenteil
von Funktionalisierung kann Musik würdig werden, Dokumente wie
die hier dekla-mierten Abschiedsbriefe hingerichteter antifaschi-stischer
Widerstandskämpfer zu tragen.
Günther Anders hat dennoch selbst diese extremen Werke verworfen:
als Mißbrauch des Unsäglichen und Unsagbaren zugunsten guter Kunstwirkungen.
Wie aber, wenn ein Komponist an diese Dinge rührt, von dem Radikalität
schwerlich zu erwarten ist, einer der moderatesten?
Der Regisseur Nullo Facchini und
die Choreographin Minako Seki ziehen die kontemplative Distanz
zwischen den versammelten Betrachtern und dem ästhetischen Objekt
ein.Schauplatz des Spektakels, doch zugleich eben auch
sozusagen Truppenübungsplatz fürs Publikum ist die nächtliche
Festung Ehrenbreitstein ob Koblenz. Die des Kunstwerks harrende
Menge muß immer wieder marschieren, freilich nicht im Gleichschritt;
die Behandlung durch die stumm, mittels Handzeichen, kommandierenden
Schergen in ihren leuchtend weißen Offiziersmonturen und mit ihren
vergitterten Augen ist höflich, korrekt. Geführt wird man durch
spärlich beleuchtete, beklemmende hohle Gänge und unheimliche
Höfe zu den zwölf „Stationen" des Spiels man beginnt sich als
Prozession zu begreifen, Katholiken bekommen Assoziationen an
die vierzehn Stationen des Kreuzwegs; an „Kiddüsch ha Schem" denkt
man indes weniger. Die meisten wissen ja nicht einmal, was das
ist.
Unvergeßliche Bilder äußersten Leidens,
choreographiert von der Japanerin Minako Seki –
bisweilen auch der Lust an seiner Zufügung prägen sich ein, schließlich
überwiegt die Bewunderung der unglaublichen Virtuosität, mit der
die internationale Truppe Teatret cantabile 2 agiert. Die perfekte
Körperbeherrschung und atemraubende akrobatische Kunstfertigkeit
dieser Mimen ruft ebenso wie die ihnen eigene Darstellungsintensität
Erinnerungen an Jerzy Grotowskis Theater und an Eugenio Barbas
„Odin Teatret" wach. In die Gefahr der Ästhetisierung der Hölle
läuft Facchinis Effektkultur allerdings wie in ein offenes Messer:
die Vergasungsszene war zauberhaft, magisch, „echt geil".
Das Stück hat einen Komponisten, Peter Michael Hamel, und versteht
sich offenbar als Musiktheater, wird doch in der Unterzeile des
Titels das Orchester sogar vor der Theatergruppe genannt. Hamel
hat in früheren Zeiten versucht, sich mancherlei Exotismen anzuverwandeln,
auch Meditatives nachzubilden („Durch Musik zum Selbst" hieß sein
1976 publiziertes Buch). Eine Zeitlang trachtete er dann, so etwas
wie eine „eigenständige" deutsche Minimal Music zu begründen,
gab dies jedoch wieder auf.
Die Partitur von Hamels „Endlösung" bietet über weite Strecken
unauffällige Hintergrundmusik, die man nicht unbedingt beachten
muß und infolgedessen gut erträgt.
(Fernsehzuschauer mögen Musik in der Regel so wahrnehmen, Fernseh-„Hörer"
gibt es ja kaum.) Doch wo diese Bühnenmusik dominant wird, gar
gesungene Melodien vorkommen, gerät sie in ihrer Einfallslosigkeit
und Banalität unerträglich: schlechtes Imitat schlechter Imitate.
Hamel ist kompositorisch unbegabt.
An die Tragödie heftete sich ein Satyrspiel.
Der Ring Deutscher Soldatenverbände protestierte gegen die Aufführung,
bestritt vollends dem Komponisten „jegliche Sachkenntnis über
die Verhältnisse . im Dritten Reich". Ja, da kennen sich deutsche
Soldatenverbände sicherlich besser aus, haben doch ihre älteren
Mitglieder selber noch mitgemacht.
Heinz Klaus Metzger