Aus “Die Zeit” vom 6.9.1996





























 

Oper von Peter Michael Hamel
Regie: Nullo Facchini
Choreographie: Minako Seki

Beklemmend hohl

Musiktheater: Peter M. Hamels
„Endlösung" auf Ehrenbreitstein

Eingestimmt wird man vom Taxifahrer, wie überall, mit scheußlicher Unterhaltungsmusik.
Die Fahrt hinauf geht über eine beidseitig von hohen Festungsmauern, die gegen Feindeinsicht und Artilleriebeschuß schützen, eingeschlossene Straße. Gelegentliche Ausschilderung verweist auf ein „Ehrenmal des Heeres", das sich dort oben befinden muß.
Welchen Heeres? Wir sind in Deutschland, das Eiserne Kreuz erteilt unmißverständlichen Be-scheid, daß kein Heer gemeint sein kann, das an der Befreiung Deutschlands beteiligt war. Das Ziel der Fahrt ist: „Die Endlösung.
Stationen für Orchester und Theatergruppe“.
Man sieht solchen Musikalien mit Sorge entgegen: um die Kunst nicht nur, sondern auch um die Empfindlichkeit des politischen Sensoriums ist da-bei vorweg zu bangen. Die Ästhetisierung der na-tionalistischen Mörderherrschaft gehörte von An-beginn zu den prekärsten Vorhaben, auf die überhaupt Künstler verfallen mochten. Ich halte Schönbergs Kantate „A Survivor from Warsaw" von 1947 für eine einmalige Quadratur des Kreises, wo schroffe Autonomie des Kompositorischen, gerade weil sie kein Gran ihres absoluten Anspruchs darangibt, sich als mächtig erweist, das Grauen zu formulieren und eine kritische Gegenposition bei aller Mimesis zu beziehen. Die strategischen Geheimnisse der Partitur, namentlich der vertrackten Polyphonie in der „Begleitung" des Männerchorgebets, die das Problem des Verhältnisses von Form und Inhalt ganz neu auf-wirft, sind analytisch selbst heute noch längst nicht restlos verstanden.
Einen Grad weiter, streng bis zur totalen struk-turellen Dissonanz, ist die Emanzipation des rein Formalen dann in Nonos Feuerzeichen „Il Canto sospeso" von 1956 getrieben, denn einzig durchs Gegenteil von Funktionalisierung kann Musik würdig werden, Dokumente wie die hier dekla-mierten Abschiedsbriefe hingerichteter antifaschi-stischer Widerstandskämpfer zu tragen.
Günther Anders hat dennoch selbst diese extremen Werke verworfen: als Mißbrauch des Unsäglichen und Unsagbaren zugunsten guter Kunstwirkungen.
Wie aber, wenn ein Komponist an diese Dinge rührt, von dem Radikalität schwerlich zu erwarten ist, einer der moderatesten?
Der Regisseur Nullo Facchini und die Choreographin Minako Seki ziehen die kontemplative Distanz zwischen den versammelten Betrachtern und dem ästhetischen Objekt ein.Schauplatz des Spektakels, doch zugleich eben auch sozusagen Truppenübungsplatz fürs Publikum ist die nächtliche Festung Ehrenbreitstein ob Koblenz. Die des Kunstwerks harrende Menge muß immer wieder marschieren, freilich nicht im Gleichschritt; die Behandlung durch die stumm, mittels Handzeichen, kommandierenden Schergen in ihren leuchtend weißen Offiziersmonturen und mit ihren vergitterten Augen ist höflich, korrekt. Geführt wird man durch spärlich beleuchtete, beklemmende hohle Gänge und unheimliche Höfe zu den zwölf „Stationen" des Spiels man beginnt sich als Prozession zu begreifen, Katholiken bekommen Assoziationen an die vierzehn Stationen des Kreuzwegs; an „Kiddüsch ha Schem" denkt man indes weniger. Die meisten wissen ja nicht einmal, was das ist.
Unvergeßliche Bilder äußersten Leidens, choreographiert von der Japanerin Minako Seki –
bisweilen auch der Lust an seiner Zufügung prägen sich ein, schließlich überwiegt die Bewunderung der unglaublichen Virtuosität, mit der die internationale Truppe Teatret cantabile 2 agiert. Die perfekte Körperbeherrschung und atemraubende akrobatische Kunstfertigkeit dieser Mimen ruft ebenso wie die ihnen eigene Darstellungsintensität Erinnerungen an Jerzy Grotowskis Theater und an Eugenio Barbas „Odin Teatret" wach. In die Gefahr der Ästhetisierung der Hölle läuft Facchinis Effektkultur allerdings wie in ein offenes Messer: die Vergasungsszene war zauberhaft, magisch, „echt geil".
Das Stück hat einen Komponisten, Peter Michael Hamel, und versteht sich offenbar als Musiktheater, wird doch in der Unterzeile des Titels das Orchester sogar vor der Theatergruppe genannt. Hamel hat in früheren Zeiten versucht, sich mancherlei Exotismen anzuverwandeln, auch Meditatives nachzubilden („Durch Musik zum Selbst" hieß sein 1976 publiziertes Buch). Eine Zeitlang trachtete er dann, so etwas wie eine „eigenständige" deutsche Minimal Music zu begründen, gab dies jedoch wieder auf.
Die Partitur von Hamels „Endlösung" bietet über weite Strecken unauffällige Hintergrundmusik, die man nicht unbedingt beachten muß und infolgedessen gut erträgt.
(Fernsehzuschauer mögen Musik in der Regel so wahrnehmen, Fernseh-„Hörer" gibt es ja kaum.) Doch wo diese Bühnenmusik dominant wird, gar gesungene Melodien vorkommen, gerät sie in ihrer Einfallslosigkeit und Banalität unerträglich: schlechtes Imitat schlechter Imitate. Hamel ist kompositorisch unbegabt.
An die Tragödie heftete sich ein Satyrspiel.
Der Ring Deutscher Soldatenverbände protestierte gegen die Aufführung, bestritt vollends dem Komponisten „jegliche Sachkenntnis über die Verhältnisse . im Dritten Reich". Ja, da kennen sich deutsche Soldatenverbände sicherlich besser aus, haben doch ihre älteren Mitglieder selber noch mitgemacht.
Heinz Klaus Metzger